Sie wollen sterben, aber man lässt Sie nicht ?
JOURNAL, 21. Oktober 2008
Es ist ein schwacher Trost zu erfahren, dass Sie nicht allein in dieser Lage sind. Aber dem ist nun so! Wahrscheinlich tröstet man Sie mit der Tatsache, dass kein Gesetz die aktive Sterbehilfe zulässt. Vielleicht waren auch Sie einst der Meinung, als noch nicht betroffen, man sollte doch nicht zu viel reglementieren, die bestehenden Gesetze würden genügen und zudem gäbe es doch verständnisvolle Ärzte?
Im Nachhinein ist man immer klüger und Ärzte sind auch an Gesetze gebunden. Und das „Spiel“ mit der progressiven Dosiserhöhung, ohne töten zu wollen, sollte auch aufhören. Schon allein wegen der spirituellen Unehrlichkeit; sogar dann, wenn sie der Vatikan zulässt. Zudem kann der Arzt souverän allein entscheiden, wenn dann dieser Moment für den Patienten gekommen ist. Unglaublich! Eine klare und deutliche Gesetzgebung schafft hier schnell saubere Abhilfe und beendet diese ungeheuerliche Abhängigkeit.
Palliative Stationen und Hospize, unter dem Deckmantel der Neutralität des Staates errichtet und gefördert, zeigen ungerechte Wesensmerkmale in ihrer einseitigen Ausrichtung. Der Staat subventioniert mit allen Mitteln diese besonderen Unterkünfte, die, bei näherem Hinsehen, sich doch fundamental gegen die Würde solcher Menschen wenden, die nicht mehr weiter leben wollen. Kann das die wirkliche Absicht eines Staates sein? Wird er da nicht indirekt mitschuldig an der Erniedrigung der Menschen, die ausgeschlossen bleiben? Oder muss jeder Sterbende staatlicherseits diesen Weg gehen?
Die vielen Debatten über die aktive Sterbehilfe haben es klar und deutlich ans Tageslicht gebracht: Nicht vordergründige Menschlichkeit, sondern religiöse Bevormundung soll über dem Gewissen des Einzelnen stehen. Sogar im Sterben hat der Betroffene nicht zu verlangen, sondern zu gehorchen; er soll sich stillschweigend fügen, sich ergeben - da sowieso „ausgeliefert“, weil es ja – bis jetzt - keine Alternative gibt. Nun sind aber nicht alle Menschen religiös belastet. Und warum sollten die einen entscheiden, wie die anderen (nicht) zu sterben haben? Sollten Frauen etwa nicht mehr mit Kaiserschnitt entbinden, weil es nicht der natürliche Weg ist?
Die gesetzlich erlaubte aktive Sterbehilfe gehört unabdingbar in eine Gesellschaft, die den Mensch in ihren Mittelpunkt stellt. Die christlich-ethischen Gegner der aktiven Sterbehilfe sind längst nicht mehr die Lehrer und Hirten der Nation. Sie haben es nur noch nicht begriffen! Auch steht bei denen ein jüdischer Gott im Mittelpunkt, der seit langem aus der Wahrnehmung vieler Mitbürger bewusst gelöscht worden ist. Das Sterben, als persönliche Angelegenheit verstanden, bleibt des Menschen letzte Freiheit, die er noch mitgestalten kann. Und es scheint als wollten dieselben ihm sogar im Sterben seine letzte Möglichkeit der Selbstverwirklichung verwehren. Geht es noch entwürdigender, intoleranter? Wohl kaum!
Es herrscht also akuter Handlungsbedarf für die schnelle Einführung der aktiven Sterbehilfe. - Fervert
